...und das sagen die Deutschen

Musikexpress, 10/06

Pere Ubu
Why I Hate Women
Glitterhouse/Indigo
Avantrock: Pere Ubu bringen den alten EML Synthesizer wieder ins Spiel, das bei ihnen nicht Punk genannt werden will. Wenn das neue Album von Pere Ubu wirklich "an irony-free recording" ist, wie im Booklet vermerkt ist, dann dürfte David Thomas bei dem Albumtitel demnächst Schwierigkeiten mit diversen FrauenrechtlerInnen und Gleichstellungsbeauftragten bekommen. Vielleicht ist aber auch dieser Hinweis auf die Ironiefreiheit eine bestimmte feine Art der Ironie, die wir nicht verstehen. Bei David Thomas weiß man das ja nie so genau. 31 Jahre Pere Ubu, 31 Jahre einen Hass auf den "reaktionären" Punk schieben, obwohl/weil Thomas selbst oft genug in die Punk-Schublade gesteckt wurde in all der Zeit. Und dann tritt er im September 2004 mit der reaktivierten Ubu-Vorläuferband Rocket From The Tombs beim "Punk-Kongress" (!) in Kassel auf. Punk-Kongress in Kassel, gefördert von der "Kulturstiftung des Bundes", das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Soviel zum Thema Ironie und Ironiefreiheit. Robert Wheeler ist der Hauptdarsteller auf dem neuen Pere-Ubu-Album. Um die mikrofrickeligen Töne aus seinem EML Synthesizer und aus seinem Theremin dreht sich die ganze Platte. Manchmal, wie bei "Babylonian Warehouses", dem besten Pere-Ubu-Stück aller Zeiten, behaupten wir jetzt einfach, umschmeicheln die dissonanten Töne aus dem Vintage Synthesizer den Song, dringen in ihn ein, saugen sich darin fest und werden eine untrennbare Einheit. Das ist ein ganz neues Pere-Ubu-Gefühl. Ansonsten wird das zirpende, zischelnde, quietschende Soundamalgam aus dem Synthesizer als störendes Element den Songs beigelegt. Und "Caroleen" ist dann der astreine Punk-Song in Pere-Ubu-Style. Punk-Song - David Thomas wird den Ausdruck hassen. Uns ist das egal. Der "Kulturstiftung des Bundes" wahrscheinlich auch. VÖ: 15.9. **** 1/2 Albert Koch

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SPEX SEPTEMBER 2006
Pere Ubu
Why I Hate Women
Glitterhouse/Indigo

Musik von dieser Welt, wenn auch teilweise von einer fiktionalen Welt, bevölkert von Typen, die Frauen hassen, in Häusern ohne Fenster leben, wo nur eine 40-Watt-Birne ihr Leben erhellt, die Liebeslieder für eine Caroleen schreiben (»Rhymes with gasoline«) oder denen aus dem Innern der eigenen Unzufriedenheit die Kehle zugeschnürt wird.

Man könnte einwenden, dass Pere Ubu die Wirklichkeit in Form von literarisch geformten Charakteren zusammensetzen (Albumtitel und Basisgeschichte gründen sich auf »the Jim Thompson novel he never wrote«, so David Thomas auf ubuprojex.com), dass sich einmal »free« auf »Bukowski« reimt, dass sie einen Song »Blue Velvet« nennen und ein lockeres Konzeptalbum gemacht haben. Man kann das aber auch vergessen und stattdessen mit Recht behaupten, dass Pere Ubu ihre beste Platte seit »Raygun Suitcase« gemacht haben. Großartige Momente, die großartige Momente des Pere Ubu-Kanons zitieren, der ja mittlerweile eine Zeitspanne von 31 Jahren umfasst. »Caroleen« ist vielleicht ihr größter Rocker seit »I Will Wait« von 1978, »Two Girls (One Bar)« wäre eine Zierde für »Song Of The Bailing Man« gewesen, und »Stolen Cadillac« ist der dunkle Schleifer, der nachtschattige Track, der auf keiner guten Ubu-Platte fehlen darf. Dazwischen wischen die Analog-Synthies links und rechts die Wohlgefälligkeiten weg. Sie wirken mittlerweile ebenso beängstigend alterslos wie die unveränderte Stimme von David Thomas. Bei all dem hohen künstlerischen Niveau könnte man sich höchstens daran stören, dass Pere Ubu ihrem Werkzeugkasten nichts Neues mehr hinzugefügt haben, aber so was wirft man The Fall ja auch nicht vor. - Werner Ahrensfeld

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Welt am Sonntag, 9/24/6, *****

ROLLING STONE GERMANY SEPTEMBER 2006

*****
Pere Ubu
Why I Hate Women

Man muss sich das einfach mal vorstellen: Auf einer Party kommt ein zwei Meter großer schwitzender Fettsack zu einem rüber und erklärt ungefragt, warum er etwas gegen Frauen hat. Ein irritierender und bedrohlicher Gedanke, denn die Menschen sprechen selten aus was in ihnen vorgeht. David Thomas dagegen erforscht auch auf dem 13. Pere Ubu Album wieder genau diese Blindstellen. So unerbittlich, im Umgang mit Ängsten und Neurosen, dass David Lynch dagegen wie ein Comedian wirkt. Doch um Hass auf Frauen geht es hier natürlich nicht: "Why I Hate Women is based on the Jim Thompson novel he never wrote but would have". Und tatsächlich sind die Songs durchzogen von einer dunklen Lakonie, bewohnt von Männern, denen das Leben selten mal einen ausgibt: "In my head is a white room where all the good things go / A man with a bag walks in / drops it on the floor and he goes /Goodbye, Goodbye, Goodbye, Goodbye", heißt es unendlich wehmütig in "Blue Velvet". Da ist kein Sich-wehren mehr, kein Einfordern, nicht einmal ein Betteln. Nur Leere und Müdigkeit. Beckett hätte es nicht besser sagen können, doch wirklich neu ist diese negative Weltsicht nicht. Schon 1978 sang Thomas in "Final Solution": "The girls won't touch me cause I got a misdirection / and livin at night isn't helpin my complexion". Musikalisch orientiert sich "Why I Hate Women" ebenfalls am zu Recht gefeierten Frühwerk - obwohl außer Thomas keiner von der Original-Besetzung mehr dabei ist. "Flames Over Nebraska" ist nur vordergründig eine straighte Rock-Nummer. Dahinter tut sich ein Abgrund auf, kreischen böse die elektronischen Störgeräusche Robert Wheelers; Keith Molinés Gitarre schrammt hart an der Grenze zum Atonalen. Immer ist es die altgediente Rhythmus-Sektion, bestehend aus Michele Temple und Steve Mehlmann, die ein zu starkes Auseinanderdriften der Band verhindert. Im Zentrum steht fast immer David Thomas, mit seinen oft so traurigen Geschichten und einer Stimme, die nicht nur in "Blue Velvet" an die Rufe eines von seiner Mutter verlassen jungen Wals erinnert. Und selbst in einem Semi-Blues mit dem hoffnungsvollen Titel "Love Song" heißt es: "I live in a house without any windows / I got a 40 watt bulb to light up my life". "Caroleen" - so ziemlich das punkigste was man von Pere Ubu seit Jahrzehnten gehört hat - ist auch textlich leidenschaftlicher, auf eine unsichere Weise, fast verliebt: "Her perfume, I think it's turpenteen / And I feel alive / and I hope it's love / Caroleen, Caroleen, Caroleen, Caroleen". Wer keine Angst vor der Dunkelheit hat wird dieses intelligent zupackende Rock-Album lieben. (Glitterhouse)(Jürgen Ziemer)

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030 Magazine

*Pere Ubu - Why I Hate Women - [Glitterhouse]* Pere Ubu gibt es bereits seit über 30 Jahren, sie sind aber immer noch nicht alt und verbraucht. Was vor allem an ihrem Kopf, an David Thomas, liegt. Der Mann ist unheimlich dick, lustig und ein Zyniker. Und er findet einen Plattentitel wie "Why I Hate Women" einigermaßen spaßig. Ehrlich gesagt: Wir auch. Alice Schwarzer wahrscheinlich eher nicht, aber das muss David Thomas ja nicht weiter stören. Immer noch singt er mit knödeliger Stimme und nuschelt ein wenig. Und immer noch gelingen ihm Songs, die man auch in den nächsten 30 Jahren noch hören möchte.

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Glitterhouse Press Release

PERE UBU
Why I Hate Women
Glitterhouse Records / Indigo GRCD 651
VÖ: 15. September

Der Avant-Punk/Avant-Garage Alt-, Neu- und Weltmeister David Thomas legt ein neues Album mit Pere Ubu nach. Kritiker waren ja stets begeistert, Referenz ist er schon längst und Platten kauft doch eh keiner mehr. Goldenen Schallplatten und Stimmgabeln waren nie das Ziel, und man darf skeptisch bleiben, ob sie ihm trotzdem überreicht werden. Und so zeigt Thomas mal eben auf, wie das funktioniert mit dem Ikone sein und bedeutsam bleiben. Ein kurzer Blick auf die Anfänge als Gegenbeleg zum scheinbaren Widerspruch von Relevanz und Kontinuität - die Eingeweihten wissen das natürlich schon längst:

1974. David Thomas gründet "Rocket From The Tombs" (ja genau - "Sonic Reducer"), kurze Zeit später sind diese aber auch schon passé, Thomas allerdings macht weiter als Pere Ubu, benannt nach dem Usurpator und Protagonisten eines Theaterstücks von Alfred Jarry. Die Handlungsmaximen lauteten und lauten wie folgt: 'Don't ever audition.' 'Don't look for someone.' 'Don't seek success.' 'Choose the first person you hear about.' 'Take the first idea you get.' 'Put unique people together. Unique people will play uniquely whether or not they know how to play.' 'Delay Centrifugal Destruct Factors for as long as possible then push the button.' Mit ihrer ersten Single "30 Seconds Over Tokyo" legen Pere Ubu bereits 1975 eine Single vor, die im Nachhinein als einer der ersten Punk-Songs überhaupt gelistet wird. Nur bereits dekonstruierter und beeinflusst vom ihrer Heimatstadt Cleveland, Ohio, einem Mekka der Schwerindustrie, in Bezug auf musikalische Auswürfe bis dato aber noch recht unbescholten. Das änderte sich. Pere Ubu waren anders, waren radikal, laut und zerrissen. 1978 folgte das Debüt "The Modern Dance", welches dieser Tage als Reissue erscheint. Wie üblich hat's damals keine Sau gekauft, aber die Langzeitschäden blieben beträchtlich - schlag nach bei Velvet Underground. Oder gern auch im "Mojo": "Ubu werden gemeinhin angesehen als das fehlende Glied zwischen Velvet Underground und Punk. Von Beginn an verstanden sie offensichtlich die tragenden Schrauben und Muttern der Populärmusik - und dann lösten sie sie."

Zurück zum Jetzt, und das ist die neue CD. Die bürgerliche Hochkultur ist auf David Thomas aufmerksam geworden und hat ihn mehrfach zum Moerser Jazzfestival geladen. Immer schon am Rande des Punk-Spektrums agierend, ist die neue Platte jedoch keine Kollaboration mit Anne Sofie von Otter sondern heißt "Why I Hate Women". Thomas weicht keinen Deut von den Maximen der Anfangstage ab und bleibt eher die Gollum-Ausgabe eines Elvis Costello. Die Musik bleibt zerrissen, patchworkartig greifen die Instrumente ineinander, dabei wird jedoch nicht der Eindruck erweckt, es handele sich um freie Improvisation. Nee, das soll so sein. Jeder Part steht für sich und wird vom Hörer im Tetris-Stil mit den anderen zusammengesetzt. Dabei ist wieder der EML Synthesizer, seit Anfangstagen fester Bestandteil von Pere Ubu und hergestellt von einer Firma, die sich danach auf die Produktion von Kriegsmaterial spezialisiert hat. Das nur nebenbei. Robert Wheeler, der ihn bedient, ist zudem dafür zuständig, dass ein Theremin auch bedrohlicher wirken kann als in 50er Jahre-Science Fiction-Filmen. Und dann ist da ja noch die immer im Wechselspiel zwischen Wehtun und Wehklagen agierende Stimme von David Thomas. Helium und Volumen zugleich. Das können sonst nur Heißluftballons. Im Vergleich zu ihrem letzten Werk "St. Arkansas" lassen Pere Ubu diesmal etwas mehr Licht zu, sogar die ein oder andere Melodie wird zu Tage gefördert. Zudem handelt es sich um ein Album mit mehr Liebesliedern als auf einer Michael Bolton-Best Of. Aber mein Poesiealbum kriegt David Thomas trotzdem nicht. "This is an irony-free recording" steht im Booklet. Mache sich ein jeder seinen Reim darauf - es lohnt sich. (Texte: http://ubuprojex.com/lyrics/wihwwords.html).

Nur ein kleiner Auszug gebliebener Begeisterung:

"Sie erreichten, was sich sonst keine Band vorher oder seither auch nur vornehmen würde - sie wurden zur einzigen expressionistischen Rock'n'Roll-Band der Welt, die eine Menge von Rock- und Musique Concrete-Elementen zusammen nutzbar machte in einem Klangbild, das seine Macht aus Bewusstseinsebenen bezog, die bisher von Populärmusik völlig unberührt waren... Herz und Seele, Körper und Geist, vereint." (New Musical Express)

"Sie sind die größte Rock'n'Roll Band des Jahrhunderts, und vermutlich auch des nächsten." (The Wire)

"Sie spreizen die Extreme purer, kompromissloser Kunst und puren, kompromisslosen, lauten Rocks im fest entschlossenen Versuch, sie zu einem festen Ganzen zu verbinden." (The Sunday Times)

Mehr zur neuen CD unter http://ubuprojex.com/wihw.html Mehr, viel mehr zu David Thomas und Pere Ubu unter www.google.de und bei Deinen größeren Geschwistern.

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